Die Erlösung des Vaters

Dieser Titel ist bewusst provokant, denn die allermeisten Menschen erwarten ihre Erlösung genau vom himmlischen Vater. Was ist da dran?

 

Der kosmische Vater ist ein Aspekt in uns allen, der am meisten verkannt, verdreht, vernebelt, hinter massiven Mauern versteckt, verleugnet, über alles gehasst und geliebt ist. Er dient als kollektive Projektionsfigur und alles, was wir Menschen glauben in uns selbst nicht tragen zu können, haben wir dem himmlischen Vater zugeschrieben. Dadurch, dass er nicht Teil unseres Alltags ist, konnte er sich niemals dagegen verwehren. Immer weiter haben wir ihn in die himmlischen Sphären unendlicher Dimensionen verbannt, immer tiefer getrennt von unserem menschlichen Dasein. 

 

Jetzt in Zeiten der Bewusstwerdung und des inneren Wachstums kommen wir immer öfter mit ihm in Berührung, wir können ihn nicht länger als Anteil von uns selbst ignorieren. Doch das, was wir da finden gefällt uns ganz und gar nicht. Denn zunächst ist dieser Aspekt überdeckt mit jahrtausende alten Projektionen: Sehnsuchtsvolle Hoffnung nach Einswerdung vom irdischen Mutter Aspekt, die fordernde Hass-Liebe des unmündigen Kindes, die Glorifizierung des göttlichen Seins vom Menschaspekt, die Suche nach Erbarmen und Erlösung des Versklavten, die Erwartung der Erfüllung an übernatürliche Kräfte gerichtet des reduzierten Seins, die ewige Suche nach einem ebenbürtigen Partner von der kosmischen Mutter. Alle inneren Aspekte halten ihre Augen auf IHN gerichtet, als die Sonne des inneren Systems. Aber ihre Augen blicken ins Leere, die Sonne erscheint statisch und das, was mit Leben erfüllt sein sollte, ist das NICHTS. 

 

 Habe den Mut, dem was ist zu begegnen und es anzunehmen. 

 

Wo der Aspekt des inneren Vaters den Mut hat seine Masken abzunehmen, gemäß denen er stets der strahlende Held ist, der Vollkommene und über alle Erhabene, wo er seine inneren Programme auflöst, gemäß denen jeder, der ihn anschaut ihn automatisiert liebt und anbetet oder verteufelt - je nach spirituellem Kontext - wo er den Mut hat sich nackt und bloß zu zeigen - ist er das Nichts. Eine kleine, jämmerliche, einsame, ausgeschlossene, erschöpfte Instanz von unserem Sein, die keine Kraft mehr hat die Illusion aufrecht zu erhalten. Und das ist gut so. Seine Aufgabe bisher war es, alle menschliche Energie aus dieser nun sterbenden Welt herauszuziehen und diese Aufgabe ist vollendet. Jetzt gibt es eine neue Aufgabe.

 

Als Nichts ist er anhaftungsfrei, er hängt keiner Identifikation an und kann damit JEDE Gestalt annehmen, jede Lehre und jeden Wunsch erfüllen. Er ist selbstloser Diener der Bedürftigen, denn er selbst braucht nichts. Alles was er will ist dazugehören dürfen. Eingegliedert zu sein in das menschliche System, seinen Platz einnehmen und ausfüllen, seiner Aufgabe nachgehen, gleichwerter Bestandteil des physischen Alltags sein. Das erfüllt ihn zutiefst mit Freude und berührt ihn. Er fühlt sich erkannt in seiner Sehnsucht. 

 

Erfassen wir den Vater als formlose Ursubstanz aus der alles Werden entstanden ist, als Wurzel ohne Wurzel von allem was war, ist oder sein wird. Dieser unendliche Raum ist frei von Eigenschaften, er ist Licht-Dunkel, Existenz/Nicht-Existenz, die Essenz von Liebe/Gnade (NT) ebenso wie die Essenz von Hass/Vergeltung (AT). Er ist zwischen allen Extremen existent und dennoch ist er nichts davon. Inkarniert er, kann er jede Gestalt annehmen, ohne sich damit zu identifizieren - er bleibt das Nichts und dient allen als Spiegel für das, was sie in ihm sehen wollen. 

 

War er bisher der Schöpfer menschlicher Alpträume - indem er unbewusst die Ängste der Menschen manifestiert hat, so kommt ihm jetzt so eingegliedert die wichtige Aufgabe zu, diese Ängste anzunehmen, mit ihnen zu wachsen und sich zu erden und schließlich die dahinter liegenden Sehnsüchte der Menschen zu erfassen. In seiner grenzenlosen Rationalität kann er sich den Ängsten zuwenden, sie gar integrieren, ohne sich von ihnen erfassen zu lassen. Er verbrennt sie in seinem Geistfeuer zu Asche und nutzt diese physische Essenz, um daraus das Neue zu kerieren. Integrierte Angst wird zur Liebe selbst. Angenommene Existenzangst verwandelt sich in die Liebe zur Existenz. So wandelt er sich vom Schöpfer gelebter Alpträume zum Schöpfer physisch gewordener Träume. 

 

Wo du das was ist annimmst, wird es zu dem, was es immer sein wollte. 

 

Ihm fehlte die Kommunikation mit seinen Geschöpfen, ihm fehlte die Rückmeldungen der Menschen, denn hinter den dicken Mauern der Unnahbarkeit verschanzt, schob er seine Andersartigkeit als Wesen des Geistes und des Lichtes vor, um die Menschen fern von sich zu halten. Ihre Projektionen waren so gewaltig, die Trennungen so stark, dass er völlig jeden Kontakt auch zu sich selbst verlor. Er wusste zum Schluss nicht mehr, wer er ist. Sein Geistraum war hermetisch verriegelt zum Bewusstsein des Seelenraums, so dass er schlussendlich selbst bar jeden Bewusstseins war. Was bleibt, wenn wir den Mut haben, ehrlich hinzuschauen, ist ein armer alter Mann, der jeden Bezug zu allem Lebendigen verloren hat und der nun verwirrt in der Unendlichkeit herumirrt. Wo wir ihn so erfassen, den himmlischen Vater, blickt er scheu auf, wagt es uns in die Augen zu sehen. Denn nichts anderes ist er. Er fühlt sich erkannt und angenommen in seinem So-Sein. Der Mensch in mir ist ihm endlich ebenbürtig, begegnet ihm auf Augenhöhe. Der Vater ist erleichtert. Endlich darf er seine Tarnungen loslassen. Er darf sein, wer er ist. Nicht mehr länger muss er die Verantwortung für alle tragen, nicht mehr langer so tun, als sei er ein strahlendes Wesen aus reinem Licht. Ein ebenbürtiger Mensch begegnet ihm und erlöst ihn von seiner jahrtausende alten Maskerade.

 

Längst hat er all sein Licht, all seine Kräfte, all sein Wissen in den Menschen hineinfließen lassen, der dies aber nie in sich selbst vermutet hat. Er hat das letzte bißchen Kraft, das ihm verblieb dazu genutzt, den Mensch zu erwecken, den Druck auf ihn zu verstärken: "Wache auf! Stehe für dich selbst ein! Entfalte deine Kräfte, lass dein Wissen fließen, erhebe dein Bewusstsein! Befreie dich aus der Versklavung des Geistes und erkenne, dass dies immer nur ein Alptraum war. Wo du erwachst, endet der Alptraum und deine Träume, die immer  Ausdruck der Wirklichkeit waren, werden wahr." 

 

Wo das geistige Göttliche auf den Grunde der Seele herabsteigt, entsteht die echte und wahrhafte Erkenntnisfähigkeit, die das Ego als Illusion enttarnt,  seine Essenz absorbiert und den Menschen befreit durch vollständige Erleuchtung.

 

Er fragt den Menschen: "Bist du bereit, dir selbst zu vergeben, dass du dich so lange verleugnet hast? Gewährst du dir die Gnade, die Mauern deines Gefängnisses einzureißen, weil du erkennst, dass du selbst sie errichtet hast? Hast du die Kraft dich aus der Vorherrschaft des Ego und damit der Reduktion, der Kleinheit, des Schmerzes und Leides zu befreien? Bist du bereit deine wahre Größe zu erkennen und sie zu freudvoll leben?"

 

Wo ich aus der Beobachterposition noch einen Schritt weitergehe, sehe ich, dass Schöpfer und Geschöpf sich einander annähern und dass sie sich in einander erkennen. Beide sind Schöpfer und Geschöpf gleichermaßen. Einer war der Schöpfer des anderen. Es wächst die Erkenntnis, dass alle menschlichen Aspekte in den Geistraum aufgestiegen sind und dort den Neuen Menschen geformt haben. Und dass alle lichtvollen Kräfte bereits Teil der irdischen Existenz sind, dort aber nicht gefunden werden, weil sie wo ganz anders vermutet werden. 

 

In meiner Annahme entfaltet sich alles zum Größten dessen, was es sein kann. 

 

Daraus entfalten sich folgende Entwicklungsschritte: 

  1. Alle bisherigen Formen des Menschseins entlassen, in dem Bewusstsein, dass sie immer limitiert waren und durch das Ego dominiert wurden. 
  2. Den Neuen Menschen (das Göttliche) in den Seelenraum absteigen zu lassen, damit sich dort sein Bewusstsein entfaltet, das das Ego vollständig auflöst. 
  3. Die geerdeten Lichtkräfte entwickeln, aus denen der Stoff unserer schönsten Träume besteht, damit sie die Wirklichkeit zu unserer Realität werden lassen. 
  4. Diese Träume aufsteigen lassen in den Raum der Ganzheit der Seele und sie dort mit dem Neuen Menschen vereinigen.
  5. Den Neuen Menschen verkörpern.

So werden Schöpfer und Geschöpf Eins, Vater und Mutter finden einander, das Kind in uns wird erwachsen, Körper, Geist und Seele werden Eins, das göttliche Menschsein erwacht. Träume werden wahr...

 

 

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